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Gisbert zu Knyphausen Live
So war’s in Köln: Über die Löwengrube [01.02.2012]
31.01.12, Köln, Gloria
Wenn die Kunst der Kunst darin besteht, sich in irgendeiner Weise festzubeißen, dann erreicht Gisbert zu Knyphausen dieses Ziel mit jedem seiner Songs aufs Neue. Die Königsdisziplin, deutsche Texte zu singen, die nicht holprig, nicht belehrend und trotzdem nicht plakativ sind, gleicht seit jeher einer tückischen Fallgrube. Als exemplarisch können dabei vor allem Bands des deutschen Mainstreams gelten, die mit Plattitüden wie »Wer am Boden ist, kommt wieder nach oben« oder »wer kämpft, der wird sein Ziel erreichen« jedes Mal aufs Neue durchkommen. An Stelle dessen wählt Gisbert zu Knyphausen den realistischeren, den mehrdimensionalen Weg. Das Leben als Herausforderung zu skizzieren, bei der es viele Fallstricke gibt und immer auch gescheitert werden darf, ist eine Disziplin, die Gisbert zu Knyphausen momentan wohl am Pointiertesten meistert. Wer Texte wie »Ich bin immer noch bei dir, aber wir sind nie wirklich zu zweit, ich habe viel zu viel Hoffnung, mein Herz ist immer unterwegs, auf der Suche nach was Besserem und einer Liebe die mir steht« schreibt, bildet damit ein Lebensgefühl der »Alles ist möglich«-Generation von heute sehr treffend ab.
Der intime und feierliche Rahmen der wohl schönsten Kölner Konzertlocation Gloria ist auch heute Abend ein Glücksfall. Das Publikum besteht nicht aus den typischen Indie-Statisten. Auch Lehrertypen mit Hornbrille sind da. Die Vorband rekrutiert sich zu einem Großteil aus der Knyphausen-Backingband. Eine sympathische, aber auch wenig auffällige halbe Stunde zeigt, dass diese sehr heterogenen Typen (ein älterer Herr mit Rod Stewart-Gedächtnisfrisur geht genauso wie der hippe Studententyp am Schlagzeug) solo nicht viel anders machen als mit ihrem eigentlichen Bandleader. Schade, dass die Texte nicht bekannt sind, um die Songs besser fassen zu können. Gisbert zu Knyphausen hatte bereits angekündigt, dass sein Set auf dieser Wintertour durch die zwei bisherigen Alben führen wird. Der bisher unbekannte Song »Der tödliche Schlag« besitzt dabei eine Sonderstellung. Das Stück, das mit den gravitätischen Zeilen »Gebt meiner Mutter einen Kuss und wenn ich sterbe, verstreut meine Asche überall« eine neue, übergeordnete Perspektive eröffnet, gehört an diesem Abend zu den Stärksten. Wie es sich für gute Songwriter gehört, entsteht das dringlichste Gefühl immer dann, wenn er kurz ohne die Band spielt. So sehr, dass man sich fast ein wenig mehr Soloaktivität gewünscht hätte. »Dreh dich nicht um«, ganz allein vorgetragen, ist dann auch das Highlight. Wie er hier die Absonderungsprozesse in einer Beziehung und die Hilflosigkeit des Betroffenen beschreibt, ist wirksame Poesie.
Sichtlich gelöst und gelassen führt Knyphausen durch den Abend und gewinnt mit stets bescheidenen und angenehmen Ansagen auch die persönliche Sympathie des Publikums. Nach anderthalb Stunden wird eine emotional berührte Zuhörerschaft zurück gelassen. Es bildet sich die Gewissheit, dass dieser Sänger momentan in einer eigenen Liga spielt.
Text: Kai Wichelmann

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